Vulnerabilität

Nico Hirschi

Dipl. Pflegefachmann Psychiatrie HF
DAS mental health der Berner Fachhochschule
CAS eHealth des Institut für Kommunikation und Führung, Luzern

Letzte Artikel von Nico Hirschi (Alle anzeigen)

Wie entstehen Psychosen?

1 2
Trotz weltweiter wissenschaftlicher Bemühungen gibt es bis heute keine eindeutige Erklärung, wodurch Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis verursacht werden. Fachleute gehen heute davon aus, dass dafür keine einzelne Ursache verantwortlich gemacht werden kann, sondern dass bei der Entstehung dieser Erkrankungen zahlreiche unterschiedliche Faktoren zusammenwirken. Um zu erklären, wie diese unterschiedlichen Faktoren zusammenwirken, wurde bereits anfangs der 70er Jahre das Vulnerabiliäts-Stress-Bewältigungs-Modell entwickelt, welches auch heute noch als bestes Modell angesehen wird. Ganz allgemein geht das Modell davon aus, dass die „Aussenhaut“ der Seele, das sogenannte „Nervenkostüm“, nicht bei allen Menschen gleich stabil ist, dass es Menschen gibt, welche eine besonders „dünne Aussenhaut“ haben. Man spricht auch von einer besonders hohen Verletzlichkeit (Vulnerabilität). Beim Zusammentreffen vieler belastender Ereignisse wie beruflichem Stress, körperliche Erkrankungen, seelischen Enttäuschungen usw. kann es zu einer akuten Überforderung der nervlichen Belastbarkeit kommen. Die ohnehin schon dünne und empfindliche Aussenhaut wird überstrapaziert und das „Nervenkostüm“ reisst ein, so dass es zum Ausbruch einer Psychose kommt. Natürlich gibt es Möglichkeiten, auf die Psychoseanfälligkeit positiv einzuwirken. Diese werden in der Rubrik Frühwarnzeichen und im Kapitel Rückfallverhütung eingehend beschrieben.

Wie entsteht Verletzlichkeit?

Wir wissen heute: Menschen, die an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis erkranken, besitzen schon von klein auf eine besondere Verletzlichkeit (erhöhte Stressanfälligkeit der Psyche, verminderte Belastbarkeit oder Dünnhäutigkeit), welche sie für Psychosen anfällig macht. Diese Verletzlichkeit/Anfälligkeit für schizophrene Psychosen hat ebenfalls verschiedene, vor allem biologische, Ursachen. Wir wissen, dass diese Verletzlichkeit teilweise genetisch vererbt wird. Zur Verletzlichkeit beitragen können auch schädigende Einflüsse auf das sich entwickelnde und deshalb noch sehr empfindliche Gehirn. Diese können im Verlaufe der Schwangerschaft, während der Geburt oder danach auftreten. Dabei kann es sich um Sauerstoffmangel, um Infektionen, um emotionale Belastung der Mutter, aber auch z.B. um frühen Drogenkonsum handeln. Neben den biologischen Faktoren können auch psychische und soziale (=psychosoziale) Einflüsse während der Kindheit und Jugend einen Einfluss auf die Entwicklung einer erhöhten Anfälligkeit für schizophrene Psychosen haben. Besonders schwierige Kindheitsverhältnisse (z.B. grosse finanzielle Schwierigkeiten, häufige Konflikte in der Familie, Verlust wichtiger Bezugspersonen, etc.) können die biologische Verletzlichkeit noch verstärken. Umgekehrt können sehr günstige, „gesunde“ Entwicklungsbedingungen dazu beitragen, dass die biologische Verletzlichkeit ein Stück weit abgeschwächt/kompensiert wird.

Wichtig! Verletzlich ist nicht gleich krank!

Eine erhöhte Verletzlichkeit zu haben, heisst nicht, krank oder „schizophren“ zu sein. Damit ein verletzlicher Mensch an einer akuten schizophrenen Psychosen erkrankt, müssen in jedem Fall noch andere Belastungen und auslösende Faktoren hinzu kommen. D.h. dass es immer auch Einflüsse gibt (passive, von aussen kommende, aber auch selbst erarbeitete Strategien und Massnahmen), die dem Ausbruch einer Psychose entgegen wirken. Lange nicht alle verletzlichen Menschen erkranken an einer Psychose. Zwar ist die Psyche von Menschen mit einer erhöhten Verletzlichkeit gegenüber Stress weniger resistent. Gleichzeitig werden viele Menschen mit einer solchen Verletzlichkeit auch als besonders feinfühlig, sensibel und empfindsam beschrieben. Oft zeichnen sie sich durch besondere Begabungen, Kreativität und Originalität aus. Die unterschiedliche Verletzlichkeit von Menschen kann aber erklären, weshalb nur ein kleiner Teil der Bevölkerung (1%) jemals an einer schizophrenen Psychosen erkrankt. Menschen, die keine anlagebedingte Anfälligkeit für Psychosen besitzen, reagieren bei anhaltendem Stress entsprechend ihrer besonderen Veranlagung in anderer Weise, wie z.B. mit Abgeschlagenheit, Beeinträchtigungen des Schlafes, Kopfweh, Magenschmerzen oder anderen Beschwerden, die bei Entlastung meist schnell wieder abklingen. Es ist nicht möglich, eine erhöhte Anfälligkeit für Psychosen vor der ersten akuten Erkrankung sicher zu erkennen.

Quellen:

  1. Bäuml, Josef; Pitschel-Walz, Gabi; Bechdolf, Andreas; Bergmann, Frank; Buchkremer, Gerhard (Hg.) (2008): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen. Konsensuspapier der Arbeitsgruppe „Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen“ ; [+ CD-ROM mit Arbeitsmaterialien] ; 64 Tabellen. Arbeitsgruppe Psychoedukation bei Schizophrenen Erkrankungen. 2., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Schattauer. Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=2998204&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.
  2. Schizoprenia.com. Online verfügbar unter http://www.schizophrenia.com.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.