Symptome und Verlauf

Nico Hirschi

Dipl. Pflegefachmann Psychiatrie HF
DAS mental health der Berner Fachhochschule
CAS eHealth des Institut für Kommunikation und Führung, Luzern

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Wie sehen Symptome einer Psychose aus?

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Was Menschen in einer akuten Psychose erleben, ist unterschiedlich. Auch die Symptome einer Psychose sind deshalb in ihrer Zusammenstellung, Intensität und Ausprägung so individuell wie die Menschen selbst. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass diese Menschen und ihr Umfeld oft ausserordentlich unter den verwirrenden, beängstigenden und oft auch bedrohlichen Auswirkungen der Erkrankung leiden.

Fachpersonen unterscheiden in der Regel zwischen Plus- (oder Positiv-) und Minus- (oder Negativ-) Symptomen.

Positiv-Symptome sind Symptome, welche gegenüber dem psychosefreien Zustand zusätzlich aufgetreten sind, sozusagen neu produziert wurden. Beispiele dafür sind z.B. das Hören von Stimmen, welche von allen anderen nicht wahrgenommen werden, oder das Gefühl, in Emotionen und Handlungen von anderen beeinflusst und gesteuert zu werden. Sie treten vor allem in der akuten Phase der Psychose auf, einzelne können aber durchaus auch in Zeiten ohne akuten Zustand weiterbestehen. Hier kann es dann für die Betroffenen darum gehen, einen geeigneten und befriedigenden Umgang mit diesen Symptomen zu finden.

Negativ-Symptome sind hingegen Symptome, die sich durch eine Einschränkung in Verhaltensweisen oder Qualitäten auszeichnen, z.B. Schwierigkeiten in der Konzentration und Kommunikation oder auch Interesselosigkeit und Mangel an Motivation. Diese können sowohl in der akuten Phase der Psychose als auch im nicht akuten Zustand auftreten. Hier entsteht oft das Missverständnis, dass z.B. Energielosigkeit oder eine verminderte Aufnahmefähigkeit eine Folge von mangelndem Willen des Betroffenen („wenn er nur wollte, dann könnte er!“) oder eine Nebenwirkung der Medikation sei. Hier ist es wichtig zu wissen, dass solche Symptome eine direkte Folge der Erkrankung sein können, welche der Betroffene schwer und oft nur mit Unterstützung beeinflussen kann.

Mögliche Positiv-Symptome

Stimmenhören Veränderte Wahrnehmung von Farben und Formen Veränderte Wahrnehmung von Geruch und Geschmack Veränderte Wahrnehmung von sich selbst Verkennen von Personen Verfolgungsideen Misstrauen Gefühl von Unheimlichkeit  Fremdheitsgefühle Beeinflussungserlebnisse Beziehungsideen  Erregungszustände Gedankenjagen Körperliche Anspannung  Grundlose Nervosität Schlafstörungen Unbestimmte Angst

Mögliche Negativ-Symptome

Unsicherheit Innere Leere Appetitlosigkeit  Blockierung des Denkens Gedächtnislücken  Verminderte Aufnahmefähigkeit Rückzug Allgemeine Lustlosigkeit  Interessenverlust Konzentrationsprobleme Niedergeschlagenheit  Energielosigkeit Körperliche Erstarrtheit Depression  Verzweiflung Lebensüberdruss

Was sind Halluzinationen?

Halluzinationen sind Störungen der Wahrnehmung und kommen bei Menschen mit Psychosen sehr häufig vor. Man kann sie auch als Trugwahrnehmungen oder Sinnestäuschungen bezeichnen, die ohne äusseren Reiz auftreten. Betroffene glauben etwas gehört, gesehen, gerochen, auf der Haut gespürt zu haben usw. Halluzinationen treten als akustische (hören), optische (sehen), olfaktorische (riechen), gustatorische (schmecken), taktile (spüren, Tastsinn), kinästhetische (Empfindung der Bewegung des Körpers) und zoenästhetische (Körperwahrnehmung) auf. Die häufigste Form sind jedoch akustische Halluzinationen in Form von Stimmenhören.

Betroffene sind meist von der Tatsächlichkeit des vermeintlich Wahrgenommenen überzeugt. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist, dem Betroffenen zuzugestehen, dass er etwas Besonderes erlebt, welches das Gegenüber nicht gleich erlebt.

Vorkommen von Halluzinationen ausser bei Psychosen: Delir, organische Psychosen, nach Einnahme von halluzinogenen Drogen (Cannabis, LSD), Hirnschädigung.

Was sind Wahnvorstellungen?

Wahnvorstellungen sind Gedanken, die in Widerspruch zur Wirklichkeit stehen. Bei Wahnvorstellungen geht es um Ideen, die der Betroffene entwickelt, um sich Wahrnehmungen zu erklären, die nicht der Realität entsprechen (z.B. Halluzinationen) oder die zwar wirklich sind (z.B. „der Nachbar transportiert eine Kiste“), jedoch aufgrund der Erkrankung in einen anderen Kontext gesetzt werden (z.B. „in der Kiste sind geheime Informationen über mich“). Die häufigsten Formen sind der Beziehungswahn (Betroffene beziehen alle Erlebnisse auf sich, alles hat mit ihnen zu tun), der Verfolgungswahn (Betroffene fühlen sich verfolgt, ausspioniert, betrogen, fühlen sich als Opfer von Verschwörungen), der Grössenwahn (Betroffene sind der Überzeugung, eine spezielle und wichtige Funktion zu haben, fühlen sich auserwählt; häufig sind diese Überzeugungen religiös gefärbt), der Versündigungswahn (Betroffene leiden unter dem Eindruck, alle ihre Handlungen und manchmal auch ihre Gedanken hätten fortwährend schlimme Konsequenzen für sie selbst oder für andere) und der Eifersuchtswahn (Betroffene sind davon überzeugt, von ihrem Partner betrogen zu werden).

Vorkommen von Wahnvorstellungen ausser bei Psychosen: Bei wahnhafter Depression, organischer Psychose, wahnhafter Störung sowie in Zusammenhang mit Angst und Isolation.

Wie verläuft eine psychotische Erkrankung?

Wie bei den Symptomen gibt es auch hier eine grosse Vielfalt möglicher Verläufe. Oft bleibt es bei einer einzigen Psychose. Andere Betroffene erleben mehrere Psychosen. Dabei kommt es vor, dass die Betroffenen zwischen den einzelnen Psychosen ihre Gesundheit weitgehend zurückgewinnen, bei anderen bleiben gewisse Restsymptome der Psychose nach den Krankheitsschüben bestehen. Der Langzeitverlauf ist von vielen, inneren und äusseren Faktoren abhängig. Eine wichtige Rolle für die Vorbeugung weiterer Psychosen spielen eine aktive Rückfallverhütung und Medikamente (Neuroleptika).

Eine sichere Vorhersage des Verlaufes im Einzelfall ist nicht möglich. Langzeitstudien zeigen, dass auf lange Sicht der Ausgang schizophrener Psychosen überwiegend günstig ist; auch nach vielen Jahren sind Besserungen und selbst Heilungen nicht ausgeschlossen („positiver Knick“).

Quellen:

  1. Bäuml, Josef; Pitschel-Walz, Gabi; Bechdolf, Andreas; Bergmann, Frank; Buchkremer, Gerhard (Hg.) (2008): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen. Konsensuspapier der Arbeitsgruppe „Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen“ ; [+ CD-ROM mit Arbeitsmaterialien] ; 64 Tabellen. Arbeitsgruppe Psychoedukation bei Schizophrenen Erkrankungen. 2., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Schattauer. Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=2998204&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.
  2. Schizoprenia.com. Online verfügbar unter http://www.schizophrenia.com.
  3. LPE. Landesverband Psychiatrie-Erfahrene NRW e.V. Online verfügbar unter http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de.

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