Nichtmedikamentöse Therapie

Nico Hirschi

Dipl. Pflegefachmann Psychiatrie HF
DAS mental health der Berner Fachhochschule
CAS eHealth des Institut für Kommunikation und Führung, Luzern

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Allgemeine Gedanken

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Neben der Medikation gibt es viele andere Angebote und Betreuungsmöglichkeiten, welche Betroffene in Anspruch nehmen können. Diese können – wie eine angepasste Medikation – eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Stabilisierung haben. Die nichtmedikamentösen Therapiemethoden richten sich vor allem auf die Bewältigung von Alltagsbelastungen und anderem Stress.

Ein Anliegen der Betroffenen – wie aller anderen Menschen auch – ist es, ein zufriedenes, erfülltes und autonomes Leben zu führen, ihre Entscheidungen selbst zu fällen und sich die Unterstützung, die sie allenfalls brauchen, entsprechend den individuellen Bedürfnissen zu erhalten. Das Erreichen dieser Ziele ist oft schwierig, da einerseits die Schwere der Erkrankung dies oft einschränkt oder zeitweise verhindert. Andererseits aber auch, weil Therapeuten und Angehörige oft davon ausgehen, dass Betroffene zu eigenständigen Entscheidungen gar nicht mehr fähig seien und dass andere die Verantwortung dauerhaft übernehmen müssen.

Ambulante psychiatrische Begleitung

In jedem Fall – egal, ob eine oder mehrere Episoden einer Psychose erlebt wurden – lohnt sich eine (zumindest vorübergehende) ambulante psychiatrische Begleitung. Dies, weil das Fachwissen und die Erfahrung der Fachperson Betroffenen (und Angehörigen) helfen können, mit den Aus- und Nachwirkungen der Psychose zurechtzukommen und einer Chronifizierung der Erkrankung entgegenzuwirken.

Wenn Psychosen immer wieder auftreten, ist es von Vorteil, eine professionelle Begleitperson zu haben. Diese kennt dann die individuellen Ausprägungen der Psychose bzw. die persönlichen Bedürfnisse des Betroffenen und seines Umfeldes. Sie kann ihre Begleitung den individuellen Vorstellungen des Betroffenen anpassen. Sie hat Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsmethoden mit dem Betroffenen diskutiert und weiss um dessen Vorlieben, Abneigungen, Wünsche, Befürchtungen und Ängste, z.B. im Zusammenhang mit Klinikeinweisungen. Sie kann den Betroffenen vor (z.B. möglichst freiwilliger Eintritt ohne traumatische Erlebnisse), während (z.B. regelmässige Nachfrage nach Gemütsverfassung) und nach (z.B. Aufarbeitung der Krise oder Anpassung der Rückfallverhütung) einem Klinikaufenthalt unterstützen.

Diese professionelle Begleitperson kann ein niedergelassener Psychiater, Psychologe oder eine selbständig arbeitende Pflegeperson (Vorsicht: Psychologen und Pflegepersonen können keine Medikamente verordnen und müssen u.U. selbst bezahlt werden – nachfragen!), aber auch eine psychiatrische Spitex, eine Tagesklinik oder ein Ambulatorium sein. Zusätzliche wertvolle Hilfe kann ein Hausarzt, der den Betroffenen schon lange kennt, oder eine Selbsthilfegruppe bieten.

Therapieformen

Bei allen Therapieformen gilt grundsätzlich: Bei der Wahl eines Therapeuten sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass Betroffene das Gefühl haben, zu dieser Person einen vertrauensvollen Kontakt aufnehmen zu können. Daneben sollte inhaltlich zuerst besprochen werden, wie viel Erfahrung der Therapeut mit Psychosen und deren Behandlung hat und wie er sich den Behandlungsverlauf und die Zusammenarbeit vorstellt. Betroffene sollten sich überlegen, welche Zielvorstellung sie haben und klar darüber sprechen.

Verhaltenstherapie (VT)

Mit Verhaltenstherapie wird ein ganzes Spektrum von Formen der Psychotherapie bezeichnet. Allen Formen ist gemeinsam, dass die „Hilfe zur Selbsthilfe“ für den Betroffenen im Vordergrund steht, dass ihm Einsicht in Ursachen und Entstehungsgeschichte seiner Probleme gegeben wird und schliesslich Methoden in die Hand gegeben werden, mit denen er zukünftig in wieder besser zurecht kommt.

Systemtherapie

Systemtherapie arbeitet mit den Regeln und Gewohnheiten sozialer Systeme (Familie, Schule, Arbeitswelt etc.), die dahingehend verändert werden, dass die betroffene Person (Indexperson) sich gesünder wahrnehmen und verhalten kann.

Familientherapie

Eine Form der Systemtherapie, bei der die Familie als Ganzes neue Anschauungen, Regeln und Gewohnheiten entwickeln soll.

Gesprächstherapie

Die Gesprächstherapie (nach Rogers) beinhaltet unbedingte Akzeptanz, emotionale Wertschätzung, Echtheit und Empathie des Therapeuten dem Betroffenen (Patienten, Klienten) gegenüber. Dies soll günstig auf die Selbstwahrnehmung, die Klärung von Gefühlen und Werten und die Selbstverwirklichung mit Hilfe neuer Vorgehensweisen wirken.

Psychoanalyse

Versteht „krankhaftes“ Verhalten als Äusserung unbewusster Beziehungskonflikte, die in der Kindheit erlebt und verdrängt wurden. Will mit der Therapiesituation durch Übertragung und Widerstand diese Konflikte wieder sichtbar machen, so dass sie aufgelöst werden können.

Gestalttherapie

Im Mittelpunkt dieser Methode steht die Entwicklung und Verfeinerung der Awareness, des Gewahrseins aller gerade vorhandenen und zugänglichen Gefühle, Empfindungen und Verhaltensweisen. Ein Arbeitsprinzip der Gestalttherapie ist das Hier-und-Jetzt-Prinzip. Damit soll der Kontakt des Betroffenen zu sich selbst und zu seiner Umwelt gefördert werden.

Psychoedukation

Bei Psychoedukation geht es darum, die persönlichen Erfahrungen jedes Betroffenen mit ihrer Erkrankung mit dem gegenwärtigen Wissen über die Erkrankung zu „verbinden“. Ziel ist, die Krankheit besser verstehen und besser mit ihr umgehen zu können. Ziel ist auch, die eigenen Ressourcen und Möglichkeiten kennenzulernen, um mögliche Rückfälle zu vermeiden und selbst langfristig zur eigenen Gesundheit beizutragen.

Ergotherapie

Will über strukturierte Beschäftigungs- und Arbeitsabläufe kognitive Fähigkeiten üben, Kommunikation verbessern, Antrieb und Selbstvertrauen stärken, Ausdauer, Konzentration, Sorgfalt und Pünktlichkeit fördern.

Homöopathie

Will mit Hilfe von homöopathischen Medikamenten Störungen im Körper- und Energiesystem „umstimmen“ und dadurch die Selbstheilungskräfte mobilisieren (in der Regel als Ergänzung zur normalen antipsychotischen Medikation zu verstehen).

Niedergelassener Psychiater / Psychologe bietet in der Regel

  • Therapie mittels einer od. mehrerer spezifischer Therapieformen
  • Medikamentenverordnung, -abgabe und -überwachung
  • Psychoedukation
  • Kriseninterventionen
  • Hausbesuche (beschränkt)

Psychiatrische Spitex bietet in der Regel

  • Begleitende therapeutische Gespräche
  • Psychoedukation
  • Kriseninterventionen
  • Alltags- und Wohnbegleitung
  • Medikamentenabgabe und –überwachung
  • Hausbesuche

Tagesklinik bietet in der Regel

  • Spezialisierte Therapieangebote, inkl. Gruppen (Mo – Fr)
  • Psychoedukation
  • Kriseninterventionen
  • Gesprächspsychotherapie, Familientherapie
  • Medikamentenabgabe und –überwachung
  • Hausbesuche
  • Unterstützung bei Problemen in den Bereichen Finanzen/Arbeit/Wohnen

Ambulatorien bieten in der Regel

  • Begleitende therapeutische Gespräche
  • Psychoedukation
  • Alltagsbegleitung
  • Kriseninterventionen
  • Medikamentenabgabe und –überwachung
  • Unterstützung bei Problemen in den Bereichen Finanzen / Arbeit / Wohnen
  • Case Management (Netzkoordination in stellvertretender Funktion für Betroffene, Coaching bei Wiederübernahme dieser Funktion durch Betroffene).
  • Gesprächspsychotherapie, Familientherapie (beschränkt)
  • Hausbesuche (beschränkt)

Hausarzt bietet in der Regel

  • stützende Gespräche
  • Medikamentenabgabe und –überwachung (meist in Zusammenarbeit mit Psychiater)
  • Hausbesuche (beschränkt)

Selbsthilfegruppen

  • Unterstützung und Austausch mit anderen Betroffenen
  • Lernen durch Erfahrungsaustausch
  • Austausch von Informationen und neuen Erkenntnissen über Psychosen
  • Austausch über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten

Quellen:

  1. Bäuml, Josef; Pitschel-Walz, Gabi; Bechdolf, Andreas; Bergmann, Frank; Buchkremer, Gerhard (Hg.) (2008): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen. Konsensuspapier der Arbeitsgruppe „Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen“ ; [+ CD-ROM mit Arbeitsmaterialien] ; 64 Tabellen. Arbeitsgruppe Psychoedukation bei Schizophrenen Erkrankungen. 2., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Schattauer. Online verfügbar unter http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?id=2998204&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.
  2. Schizoprenia.com. Online verfügbar unter http://www.schizophrenia.com.
  3. LPE. Landesverband Psychiatrie-Erfahrene NRW e.V. Online verfügbar unter http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de.
  4. Knuf, Andreas; Seibert, Ulrich; Aderhold, Volkmar (2006): Selbstbefähigung fördern – Empowerment und psychiatrische Arbeit. 4. Aufl. Bonn: Psychiatrie-Verl. Online verfügbar unter http://www.socialnet.de/rezensionen/isbn.php?isbn=978-3-88414-253-0.

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