Wie ist das mit der Verletzlichkeit (Vulnerabilität)?
Wie entstehen Psychosen?
Trotz weltweiter wissenschaftlicher Bemühungen gibt es bis heute
keine eindeutige Erklärung, wodurch Psychosen aus dem schizophrenen
Formenkreis verursacht werden. Fachleute gehen heute davon aus, dass dafür
keine einzelne Ursache verantwortlich gemacht werden kann, sondern dass
bei der Entstehung dieser Erkrankungen zahlreiche unterschiedliche Faktoren
zusammenwirken. Um zu erklären, wie diese unterschiedlichen Faktoren
zusammenwirken, wurde bereits anfangs der 70er Jahre das Vulnerabiliäts-Stress-Bewältigungs-Modell
entwickelt, welches auch heute noch als bestes Modell angesehen wird.
Ganz allgemein geht das Modell davon aus, dass die „Aussenhaut“
der Seele, das sogenannte „Nervenkostüm“, nicht bei allen
Menschen gleich stabil ist, dass es Menschen gibt, welche eine besonders
„dünne Aussenhaut“ haben. Man spricht auch von einer
besonders hohen Verletzlichkeit (Vulnerabilität). Beim Zusammentreffen
vieler belastender Ereignisse wie beruflichem Stress, körperliche
Erkrankungen, seelischen Enttäuschungen usw. kann es zu einer akuten
Überforderung der nervlichen Belastbarkeit kommen. Die ohnehin schon
dünne und empfindliche Aussenhaut wird überstrapaziert und das
„Nervenkostüm“ reisst ein, so dass es zum Ausbruch einer
Psychose kommt. Natürlich gibt es Möglichkeiten, auf die Psychoseanfälligkeit
positiv einzuwirken. Diese werden in der Rubrik Frühwarnzeichen
und im Kapitel Rückfallverhütung
eingehend beschrieben.
Wie entsteht Verletzlichkeit?
Wir wissen heute: Menschen, die an einer Psychose aus dem schizophrenen
Formenkreis erkranken, besitzen schon von klein auf eine besondere Verletzlichkeit
(erhöhte Stressanfälligkeit der Psyche, verminderte Belastbarkeit
oder Dünnhäutigkeit), welche sie für Psychosen anfällig
macht. Diese Verletzlichkeit/Anfälligkeit für schizophrene Psychosen
hat ebenfalls verschiedene, vor allem biologische, Ursachen. Wir wissen,
dass diese Verletzlichkeit teilweise genetisch vererbt wird. Zur Verletzlichkeit
beitragen können auch schädigende Einflüsse auf das sich
entwickelnde und deshalb noch sehr empfindliche Gehirn. Diese können
im Verlaufe der Schwangerschaft, während der Geburt oder danach auftreten.
Dabei kann es sich um Sauerstoffmangel, um Infektionen, um emotionale
Belastung der Mutter, aber auch z.B. um frühen Drogenkonsum handeln.
Neben den biologischen Faktoren können auch psychische und soziale
(=psychosoziale) Einflüsse während der Kindheit und Jugend einen
Einfluss auf die Entwicklung einer erhöhten Anfälligkeit für
schizophrene Psychosen haben. Besonders schwierige Kindheitsverhältnisse
(z.B. grosse finanzielle Schwierigkeiten, häufige Konflikte in der
Familie, Verlust wichtiger Bezugspersonen, etc.) können die biologische
Verletzlichkeit noch verstärken. Umgekehrt können sehr günstige,
„gesunde“ Entwicklungsbedingungen dazu beitragen, dass die
biologische Verletzlichkeit ein Stück weit abgeschwächt/kompensiert
wird.
Wichtig! Verletzlich ist nicht gleich krank!
Eine erhöhte Verletzlichkeit zu haben, heisst nicht, krank oder
„schizophren“ zu sein. Damit ein verletzlicher Mensch an einer
akuten schizophrenen Psychosen erkrankt, müssen in jedem Fall noch
andere Belastungen und auslösende Faktoren hinzu kommen. D.h. dass
es immer auch Einflüsse gibt (passive, von aussen kommende, aber
auch selbst erarbeitete Strategien und Massnahmen), die dem Ausbruch einer
Psychose entgegen wirken. Lange nicht alle verletzlichen Menschen erkranken
an einer Psychose. Zwar ist die Psyche von Menschen mit einer erhöhten
Verletzlichkeit gegenüber Stress weniger resistent. Gleichzeitig
werden viele Menschen mit einer solchen Verletzlichkeit auch als besonders
feinfühlig, sensibel und empfindsam beschrieben. Oft zeichnen sie
sich durch besondere Begabungen, Kreativität und Originalität
aus. Die unterschiedliche Verletzlichkeit von Menschen kann aber erklären,
weshalb nur ein kleiner Teil der Bevölkerung (1%) jemals an einer
schizophrenen Psychosen erkrankt. Menschen, die keine anlagebedingte Anfälligkeit
für Psychosen besitzen, reagieren bei anhaltendem Stress entsprechend
ihrer besonderen Veranlagung in anderer Weise, wie z.B. mit Abgeschlagenheit,
Beeinträchtigungen des Schlafes, Kopfweh, Magenschmerzen oder anderen
Beschwerden, die bei Entlastung meist schnell wieder abklingen. Es ist
nicht möglich, eine erhöhte Anfälligkeit für Psychosen
vor der ersten akuten Erkrankung sicher zu erkennen.
Quellen:
Bäuml, Pitschel-Walz, Psychoedukation bei schizophrenen
Erkrankungen, Schattauer, Stuttgart, 2003
www.schizophrenia.com,
Information, Support, Education (englisch)
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