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Stimmenhören
Was bedeutet das?
Stimmen hören ist nicht einfach krank. Es gibt viele Menschen überall
auf der Welt (3%), die Stimmen hören und noch nie mit der Psychiatrie
in Kontakt kamen. Sie fühlen sich oft auch nicht beeinträchtigt,
sondern haben einen Umgang mit ihren Stimmen gefunden.
Für Menschen mit Psychosen ist dies nicht in jedem Fall gleich.
Die Stimmen können in direktem Zusammenhang mit einer erneuten psychotischen
Krise stehen. Dann sollte unbedingt auf bewährte (medikamentöse
und/oder stressabbauende) Bewältigungsstrategien
zurückgegriffen werden.
Es gibt aber, wie schon erwähnt, auch Betroffene, welche immer,
also auch in symptomfreien Zeiten, Stimmen hören. Die Stimmen können
die Aktivitäten der Betroffenen kommentieren, Gespräche über
den Betroffenen führen, den Betroffenen vor Gefahren warnen, ihn
beraten oder ihm sogar Befehle erteilen, die er glaubt, ausführen
zu müssen. Sie können laut oder leise, verständlich oder
unverständlich, sinnlos oder geordnet, bekannt oder unbekannt, freundlich
oder bösartig, im Kopf sein oder ausserhalb, es kann eine einzige
oder es können viele sein.
Betroffene empfinden das Vorhandensein von Stimmen unterschiedlich. Einige
fühlen sich dadurch belästigt und beeinträchtigt, andere
fürchten sich (z.B. weil ihnen die Stimmen beängstigende Dinge
befehlen) und wieder andere empfinden die Stimmen als Bereicherung und
Hilfe. Wichtig ist, dass Betroffene einen Umgang mit ihnen finden, der
es ermöglicht, dass sie am Leben teilnehmen, sich nicht isoliert
fühlen und die Dinge tun können, die sie für sich als wichtig
erachten.
Was ist wichtig zu wissen im Umgang mit Stimmen?
Die Phase des Erschreckens
Die meisten Betroffenen beschreiben den Beginn als plötzliches,
erschreckendes und Angst verursachendes Erlebnis. Das Alter, in dem zum
ersten Mal Stimmen gehört wurden, ist verschieden, ebenso die Intensität
des Schreckens. Stimmen werden häufig von traumatischen oder emotional
belastenden Ereignissen ausgelöst (z.B. Krankheit).
Die Phase der Reorganisation
Wer Stimmen hört, kann von ihnen so verwirrt sein, dass er ihnen
zu entfliehen sucht. Manche fühlen diesen Drang zur Flucht nur kurze
Zeit, andere jahrelang. Will man sich aber mit den Stimmen arrangieren
oder will man sie erfolgreich in sein Leben aufnehmen, dann erfordert
das eine bewusste Akzeptanz und einen Lernprozess.
Die Phase der Stabilisierung
Es ist möglich, in positiver Weise mit den Stimmen umzugehen und
mit ihnen ein Gleichgewicht zu finden. In dieser Phase können Betroffene
entscheiden, ob sie dem Rat einer Stimme oder den eigenen Vorstellungen
folgen wollen.
Strategien im Umgang mit Stimmen
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Den Stimmen antworten
Hier sind kurze Antworten wie „ja, du hast recht“ oder
„nein, du hast unrecht“ gemeint. Es geht nicht darum,
mit den Stimmen zu diskutieren, sondern ehrlich zu antworten, ohne
Probleme zu provozieren. Diese Technik wirkt auch bei Kritik und Beleidigung.
Stimmenhörende Menschen sollen bei den Tatsachen bleiben, d.h.
dabei, was tatsächlich gesagt wurde und nicht, was sie vermuten,
was die Stimmen eigentlich meinen. Es ist wichtig, nicht in Diskussionen
verwickelt zu werden. Es geht darum, die eigene Position zu definieren,
und zu lernen, für die eigenen Entscheidungen gerade zu stehen.
-
Zeitpunkt und Dauer für die Stimmen festsetzen
Für diese Technik benötigt man Disziplin und es ist besser,
wenn der stimmenhörende Mensch nicht mehr so viel Angst vor den
Stimmen hat. Der Betroffene verabredet sich mit den Stimmen für
einen eingeschränkten Zeitraum, z.B. für 30 Min., zu einer
festgesetzten Tageszeit. Am besten sollten diese Verabredungen im
späteren Nachmittag oder abends erfolgen, in jedem Fall aber
nach Ablauf der täglichen Verpflichtungen. Zu allen anderen Zeiten
sollen die Stimmen zurückgewiesen werden im Sinne von „nein,
nicht jetzt, sondern um...“. Dabei ist es wichtig, systematisch
vorzugehen und die Verabredungen täglich zur selben Zeit und
mit derselben Dauer – min. 5 Min. / max. 1 Std. – einzuhalten.
Diese Technik funktioniert besser, wenn eine Tagesstruktur vorhanden
ist.
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Stimmen für eine bestimmte Zeit wegschicken
Die obengenannte Technik funktioniert dann nicht, wenn die Stimmen
dauernd da sind. Betroffene können dann auch versuchen, die Stimmen
für eine bestimmte Zeit, z.B. 1 Std., wegzuschicken, um einer
bestimmte Tätigkeit nachzugehen. Am Ende dieser Zeit muss es
den Stimmen gestattet werden, wiederzukommen. Eine Variation dieser
Technik – wenn die Stimmen nicht so oft da sind, aber in ungünstigen
Momenten auftauchen – besteht darin, sich zu entschuldigen und
z.B. zur Toilette zu gehen, um dort für 2 Min. den Stimmen zuzuhören
oder mit ihnen zu reden. Anschliessend kann zur vorher ausgeübten
Beschäftigung zurückgekehrt werden.
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Aufschreiben, was die Stimmen sagen und fordern
Manche Menschen sind durch die Stimmen so verängstigt, dass sie
ihnen nicht richtig zuhören können. Hier können sich
stimmenhörende Menschen helfen, indem sie aufschreiben, was die
Stimmen sagen, und später entscheiden, wie sie mit dem Gesagten
umgehen.
-
Überprüfen, ob das was die Stimmen sagen, zutrifft
Diese Technik eignet sich gut für alle, die sich ihren Handlungen,
ihrer äusseren Erscheinung oder ihren Aussagen nicht sicher sind.
Wenn sich z.B. eine Stimme kritisch über das Aussehen äussert,
reicht ein Blick in den Spiegel, um die Aussage zu überprüfen.
Danach kann der Betroffene selbst entscheiden, ob er den Stimmen recht
gibt und etwas verändern möchte oder nicht. Üblicherweise
macht es den stimmenhörenden Menschen noch unsicherer, wenn er
nicht überprüft, was die Stimmen sagen, und seine Beziehung
zu den Stimmen ändert sich nicht. Die Überprüfung festigt
die Selbstsicherheit, ermutigt, selbst Entscheidungen zu treffen,
und zwingt sowohl den stimmenhörenden Menschen als auch die Stimmen,
der Realität mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
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Grenzen setzen
Sobald die Stimmen etwas sagen, das man einem anderen Menschen unter
keinen Umständen durchgehen lassen würde, muss die Stimme
weggeschickt werden. Wenn dies konsequent durchgeführt wird,
kann es sein, dass der Betroffene immer mehr die Bedingungen für
ihr Erscheinen bestimmen kann.
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Forderungen nicht sofort ausführen
Wenn die Stimmen stark insistieren und die Betroffenen sich gezwungen
fühlen, sofort alles zu tun, was diese fordern, wird diese Technik
notwendig, da sie diesen Druck reduziert und die dadurch entstandenen
Gefühle löst. Viele dieser Gefühle dauern üblicherweise
nicht länger als ½ Std. an. Das Ziel dieser Technik ist,
abzuwarten und zu sehen, was passiert, wenn der Betroffene gar nichts
tut. Je länger der stimmenhörende Mensch die Ausführung
der Befehle hinauszögern kann, desto besser. Es kann mit einer
Minute Wartezeit begonnen werden, welche dann langsam gesteigert werden
soll.
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Befehle mit etwas anderem befolgen und lernen, Ärger
zu äussern
Diese Technik deckt sich mehr oder weniger mit der Technik, Forderungen
nicht sofort auszuführen, eignet sich aber besonders, wenn es
sich um bedrohliche, beunruhigende Forderungen handelt, wie Verletzung
oder Tötung anderer oder sich selbst. Solche Aufforderungen habe
viel mit der Unfähigkeit eines stimmenhörenden Menschen
zu tun, Ärger zu äussern. Stimmenhörende Menschen,
die diese Technik anwenden, sollten folgendermassen vorgehen: Hören
Sie sorgfältig auf das, was die Stimmen sagen, schreiben Sie
es nach ein paar Minuten auf, nachdem Sie sich versichert haben, dass
Sie richtig gehört haben, denken Sie sich zehn alternative Reaktionen
aus und schreiben Sie sie auf.
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Die Stimmen antizipieren (vorhersehen)
Mit dieser Technik werden Lösungen erarbeitet, bevor die sie
erfordernden Situationen entstehen. Situationen erfolgreich im Voraus
zu planen, heisst, mögliche Auslöser zu erkennen, und Lösungen
für sie zu entwickeln.
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Mit anderen über die Stimmen sprechen
Wenn stimmenhörende Menschen mit anderen über ihre Stimmen
sprechen, können sie lernen, Gefühle der Angst und Scham
zu überwinden.
Verkürzter Auszug aus: Making Sense of Voices, Marius Romme, Sandra
Escher (Mind Publications, London, 2000)
Quellen:
www.stimmenhoeren.de,
Netzwerk Stimmenhören e.V.
www.schizophrenia.com,
Information, Support, Education (englisch)
Knuf, Seibert, Selbstbefähigung fördern, Empowerment
und psychiatrische Arbeit, Psychiatrie-Verlag, Bonn, 2000
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