Recovery

Nico Hirschi

Dipl. Pflegefachmann Psychiatrie HF
DAS mental health der Berner Fachhochschule
CAS eHealth des Institut für Kommunikation und Führung, Luzern

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Begriff

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In der Computerbranche heisst Recovery: Wiederherstellung

Im Gesundheitsbereich kann man Recovery übersetzen mit: Genesung, Erholung, Besserung, Gesundung, Bergung, Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung, Wiederfinden ect.

Geschichte

Vor mehr als 20 Jahren begründeten Betroffene in den USA die Recovery-Bewegung. Die Gründungsinitiative ging von langjährig erkrankten Personen aus, die als „unheilbar krank“ galten und trotz dieser negativen Beurteilung gesundeten.

Sie brachten den Begriff Recovery ins Spiel und bezeichneten damit mehr als blosse medizinisch definierte Symptomfreiheit, Heilung oder Genesung. Vielmehr stellt der Begriff die Überzeugung ins Zentrum, dass ein sinnerfülltes, selbstbestimmtes Leben auch mit Symptomen und Beschwerden möglich und erstrebenswert ist.

Heute, im Rückblick auf mehr als zwei Jahrzehnte, lässt sich Recovery-neben der individuellen Perspektive-einerseits als Betroffenenbewegung mit gesundheitspolitischen Anliegen, daneben aber auch als Orientierungshilfe für Institutionen und Professionelle im Umgang mit psychisch erkrankten Personen und den Einbezug von Peers bei der Begleitung psychisch Erkrankten verstehen.

In England, Schottland, Holland, Deutschland ist die Ausbildung der Betroffenen zum Peer und deren Einbezug in Institutionen seit etwa 12 Jahren bereits recht verbreitet. In der Schweiz werden seit 4 Jahren Betroffene als Peers, oder Genesungsbegleiter, ausgebildet und zunehmend werden Stellen geschaffen zum Einbezug von Peers in verschiedenen Bereichen.

Recovery ist eine Haltung, die es keineswegs erst seit 20 Jahren gibt. Bereits vor 200 Jahren wurden in Italien gesundete Betroffene in die Pflege und Betreuung psychisch Erkrankter miteinbezogen; allerdings war dies wahrscheinlich eher eine Ausnahme. Und es gab immer wieder Fachpersonen, die auch ressourcenorientiert arbeiteten. Dies hiess dann zwar nicht Recovery, sondern Rehablitation.

Bedeutungen

Klinische Recovery ist eine Idde, die aus der Erfahrung psychiatrischer Fachpersonen heraus entstanden ist. Dabei geht es um die Beseitigung von Symptomen, die Wiederherstellung der sozialen Funktionsfähigkeit und ganz allgemein darum, „wieder zur Normalität zurückzukehren“.

Die Nutzendenbewegung fordert eine breiter gefasste Auslegung des Begriffs „Recovery“. Von daher ist persönliche Recovery eine Idee, die auf den persönlichen Erfahrungen beruht. Sie unterscheidet sich in bestimmten Bereichen grundlegend von der klinischen Recovery und es ist sehr individuell, was der Einzelne unter Recovery für sich selber versteht.

Recovery-Handbuch

Mit diesem Buch erhalten Menschen mit seelischen Gesundheitsproblemen, insbesondere Menschen mit Psychose-Erfahrung und Menschen in anderen Krisensituationen ein Werkzeug in die Hand, wie sie wieder Boden unter den Füssen bekommen und längerfristig behalten können. Dieses Selbstmanagement-Werkzeug wurde in Grossbritannien mit viel Begeisterung augenommen und liegt auch in deutscher Sprache vor. Der Leitfaden ist in einer ansprechenden, klaren Sprache verfasst. Die gesamte Dokumentation besteht aus einem Hauptbuch, in Form einer Anleitung. Weiter gehört ein Arbeitsheft (der „persönliche Recovery-Plan“) und eine „Vorausverfügung“ (das ist eine modernere Form der Patientenverfügung oder Behandlungsvereinbarung) dazu.

Das Hauptbuch ist in acht Teile gegliedert, die im „persönlichen Recovery-Plan“ ausgearbeitet werden und eine „Vorausverfügung“ ermöglichen:

  1. Einführung in die persönliche Recovery-Planung
  2. Stabil bleiben
  3. Umgang mit deinen Höhen und Tiefen
  4. Wie es nach einer Krise weitergehen kann
  5. Deine Ziele und Träume verfolgen
  6. Ein grundlegender Problemlösungsansatz, um Schwierigkeiten bei deren Entstehen anzugehen
  7. Selbsthilfe und von anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen lernen
  8. Eine „Vorausverfügung“ erarbeiten – entscheiden, was in einer Krise mit dir geschehen soll.

In der Frage, welchen der acht Teile zuerst angegangen werden soll, kann sich der Betroffene ganz seinen aktuellen Lebenssituationen und an seinen Bedürfnissen orientieren. Es ist keine Reihenfolge der Kapitel vorgegeben. Nicht zuletzt haben die im Ratgeber vermittelten Strategien Hand und Fuss, weil eine Autorin ebenfalls krisenerfahren und Nutzerin von psychiatrischen Diensten ist. „Das Leben wieder in den Griff bekommen“ orientiert sich an der Recovery-Philosophie. In der Zusammenarbeit des Autorenteams Rachel Perkins und Miles Rinaldi ist ein hoffnungsvolles, inspirierendes Werk entstanden, dank dem Betroffene wieder selbstbestimmt leben lernen und das dazu einlädt, wieder aktiv Zukunftsträume zu verfolgen.

Download:

  1. Recovery-Handbuch
  2. Arbeitsheft
  3. Vorausverfügung

100 Wege, um Recovery zu unterstützen

Aus Sicht von psychiatrischen Fachpersonen gibt es einen neuen Leitfaden, um den Recoveryprozess von Betroffenen zu unterstützen. Sie können hier diese Broschüre downloaden.

Recovery praktisch!

Auf der Grundlage der Schulungsunterlagen «Recovery praktisch!» können sich Fachpersonen, Psychiatrieerfahrene und Angehörige Wissen und Fertigkeiten zum Recovery-Ansatz aneignen. Sie können diese Schulungsunterlagen hier downloaden.

Vergleich Recovery-Ansatz mit klassischer Psychiatrie

Ziele Ein zufriedenes und erfülltes Leben; vollständige gesellschaftliche Integration; Gesundung Symptomreduktion, Rückfallprophylaxe, berufliche Wiedereingliederung
Perspektive Zufriedenes Leben ist für alle Betroffene möglich, manchmal gelingt auch eine völlige Gesundung von der Erkrankung und deren Folgen Keine „falschen Hoffnungen“ machen; „vita minima“ muss hingenommen werden; wer keine Symptome hat, kann froh sein
Hilfen Alle Hilfen, die das Wohlbefinden, die individuelle Bewältigung der Erkrankung und die Auseinandersetzung damit fördern, Peer-Support erhält hohe Bedeutung Klassisches psychiatrisches Angebot; Fokus auf Medikation
Hoffnung Wird als Voraussetzung und wichtiger Entwicklungsschritt für Recovery verstanden; ihre Förderung ist Auftrag für professionelle Arbeit Bezieht sich lediglich auf die Wirkung von Medikamenten und der übrigen Behandlung, ansonsten keine besondere Bedeutung
Selbstverantwortung Deren Übernahme ist ein wichtiger Entwicklungsschritt der Betroffenen; die Förderung ist Auftrag an die professionelle Arbeit; Selbstverantwortung bedeutet auch, den eigenen Anteil an der Erkrankung anzuerkennen Hilfe erfolgt durch Medikation und Behandlung; Selbstverantwortung kann die Compliance reduzieren und die Behandlung erschweren und wird daher nicht gefördert, sondern durch einseitige biologische Erklärungsmodelle eher behidert
Selbsthilfe Ist zentral für den Recoveryprozess, ohne Selbsthilfe ist Recovery nicht möglich; Selbsthilfeförderung ist ein wichtiges Element der Behandlungsangebote Selbsthilfe trägt zur Symptomreduktion wenig bei und wird von professioneller Seite kaum gefördert

Zitate

Recovery zielt nicht auf ein Endprodukt oder ein Resultat. Es bedeutet nicht, dass man „geheilt“ oder einfach stabil ist. Recovery beeinhaltet eine Wandlung des Selbst, bei der einerseits die eigenen Grenzen akzeptieren werden und andererseits eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten entdeckt wird. Dies ist das paradoxe an Recovery: Beim Aktzeptieren dessen, was wir nicht werden tun oder sein können, beginnen wir zu entdecken, wer wir sein können und was wir tun können. Recovery ist eine Art zu leben. (Quelle: Deegan (1996), zitiert in Pro Mente Sana (2009)

„Recovery ist eine lebenslange Reise (Entwicklung) des Wachsens und des Lernens mit Erfolgen und Niederlagen konstruktiv umzugehen oder anders ausgedrückt; all die Erfahrungen zu integrieren.“

„Recovery ist ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Veränderungsprozess im Hinblick auf die Einstellung, Werte, Gefühle, Ziele, Fähigkeiten und/oder Rollen eines Menschen im Leben und eine Möglichkeit, auch mit den Einschränkungen durch die Erkrankung ein befriedigendes, hoffnungsvolles und aktives Leben zu führen. Recovery beinhaltet die Entwicklung einer neuen Bedeutung und eines neuen Sinns im Leben, während man über die katastrophalen Auswirkungen der psychischen Erkrankung hinauswächst.“ (Quelle: Anthony (1993); zitiert in Cranach (2007), S. 337)

„Recovery ist kein linearer, sondern ein zirkulärer Prozess.“

Persönliche Aussagen

„Recovery heisst leben; und leben heisst, dass ich eine grosse Bandbreite von Gefühlen habe, die ich teilweise auslebe. Neben der Freude, Musse, Entspannung ect steht die Langeweile, Wut, Trauer ect. Leben heisst auch Träume zu haben und sie vielleicht zu einem gewissen Grad zu verwirklichen.“

„Recovery heisst für mich, dass ich Patienten gleichberechtigt begegne, mich an ihren Ressourcen orientiere und sie unterstütze, ihr Leben positiv und schön zu gestalten. Recovery ist eine Haltung. Krisen und Krankheitsepisoden können diese Haltung nicht gefährden.“

Quellen:

  1. Sanatorium Kilchberg: Recovery – Abschied vom Mythos der Unheilbarkeit. Online verfügbar unter http://www.sanatorium-kilchberg.ch/data/RECOVERY-Abschied-vom-Mythos-der-Unheilbarkeit_3117.pdf.
  2. Knuf, Andreas: Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Optimismus Eine Annäherung an das Recovery-Konzept. Online verfügbar unter https://www.promentesana.ch/fileadmin/user_upload/Angebote/Recovery_und_Peer/Veroeffentlichungen_und_Berichte/Recovery_Annaeherung_Knuf.pdf.

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